Zwischen Aufbruch und Gegenwind – Warum die Krise vorbei ist, aber die Auseinandersetzungen erst beginnen
Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report
Liebe Rider, liebe Leserinnen und Leser –
willkommen im neuen Jahr 2026.
Ein neues Jahr fühlt sich immer an wie eine frische Spur im Schnee.
Die ersten Meter sind zögerlich, dann kommt Rhythmus in die Bewegung, und schließlich wird daraus ein Weg.
Ich freue mich sehr, dass wir diesen Weg auch dieses Jahr gemeinsam gehen.
Auf ein gutes, mutiges und trailreiches 2026.
Der Markt: Aufstehen nach einem Sturz
Was im Jahr 2024 noch aussah wie der totale Kollaps der Fahrradbranche, wirkt jetzt wie der Moment, in dem ein Fahrer nach einem Crash wieder aufsteht, durchatmet und merkt: Es geht weiter.
Die Zahlen bestätigen das. Der ZIV meldet steigende Verkäufe, stabilere Lieferketten und ein Marktumfeld, das endlich wieder planbar wird.
Vier Komma sechs Millionen verkaufte Fahrräder und E-Bikes im letzten Jahr sind kein Rekord, aber ein solides Fundament – und das erste klare Zeichen, dass die Talsohle hinter uns liegt.
Interessant ist, wie ruhig diese Erholung passiert.
Es ist kein Boom, kein Feuerwerk, keine Euphorie. Eher ein Wiederfinden der Balance, nachdem die Jahre zuvor viel zu viel Geschwindigkeit aufgenommen hatten.
Hersteller schauen genauer hin, Händler kalkulieren vorsichtiger, und Kunden hinterfragen mehr als je zuvor, ob ein neues Bike wirklich nötig ist oder ob das alte nicht noch ein paar starke Saisons vor sich hat.
Die Branche wirkt weniger hektisch als früher – und vielleicht ist das die gesündeste Veränderung von allen.
Die Industrie: Weniger Show, mehr Substanz
Auf der Eurobike zeigte sich ein Bild, das zum ersten Mal seit Jahren nachvollziehbar erschien.
Die Messe war kleiner, aber konzentrierter.
Weniger Bühne, weniger Effekt, weniger Lärm.
Dafür mehr Technik, mehr Reparierbarkeit, mehr Produkte, die nicht von Marketing erfunden, sondern von wirklichen Bedürfnissen geformt wurden.
Es fühlt sich an, als hätte die Industrie begriffen, dass Mountainbiker keine Zuschauer sind.
Wir sind Nutzer. Menschen, die stürzen, schrauben, verbessern, experimentieren.
Und genau diese Menschen wollen keine Versprechen.
Sie wollen Lösungen.
Vielleicht ist diese neue Sachlichkeit der Anfang einer Ära, in der Bikes wieder länger halten, leichter zu warten sind und weniger von Blender-Technologie abhängig sind.
Vielleicht werden wir 2026 mehr Produktreihen sehen, die sich entwickeln, statt jährlich komplett ersetzt zu werden.
Vielleicht wird aus „immer neu“ endlich wieder „besser gut“.
Trails & Politik: Die neue Frontlinie
Während sich der Markt beruhigt, beginnt an anderer Stelle erst jetzt die wirklich große Debatte:
Die Frage, wem der Wald gehört und wer dort fahren darf.
In vielen Regionen scheint die Stimmung auf einmal offener zu werden.
Verwaltungen, die jahrelang Blockaden aufgebaut haben, entdecken die Chancen eines legalen und gut organisierten Mountainbike-Netzes.
Neue Gespräche entstehen, Projekte wie die NRW-Trailstudie zeigen eine ganz neue Haltung:
Man möchte verstehen, statt zu verhindern.
Doch gleichzeitig formiert sich eine kleine, aber laute Gruppe von Gegnern, die Mountainbiken nicht als Sport, sondern als Störung betrachtet.
Argumente werden dabei oft wie Phrasen abgefeuert.
„Naturschutz“ hier, „Erosion“ dort – selten belegt, aber emotional immer aufgeladen.
Was draußen im Wald wirklich passiert, sieht anders aus.
Wildtiere gewöhnen sich an wiederkehrende Muster, egal ob Wanderer, Läufer, Reiter oder Biker.
Erosion entsteht dann, wenn Wege nicht gepflegt oder völlig überlastet sind – aber moderne Trails, sauber gebaut, gezielt entlastet und regelmäßig gewartet, schützen Böden besser, als man glaubt.
Und wo es legale Angebote gibt, verschwinden Konflikte.
Wo es keine gibt, eskalieren sie.
2026 wird das Jahr, in dem Verwaltungen und Politik nicht länger beide Seiten bedienen können.
Sie müssen sich entscheiden:
Wollen sie eine moderne Outdoor-Kultur fördern – oder mit Verboten gegen ihre eigene Bevölkerung arbeiten?
Die Community: Reifer, lauter, aber auch gefordert
2025 war das Jahr, in dem die Szene als Ganzes erwachsener geworden ist.
Trailbauer erhalten endlich Respekt, den sie verdienen.
Vereine und Initiativen wachsen, vernetzen sich besser und arbeiten professioneller.
Influenzer verlieren an Macht, während echte Inhalte wieder an Bedeutung gewinnen.
Aber gleichzeitig merken viele von uns, wie schwierig es ist, die öffentliche Wahrnehmung zu verändern.
Für viele Menschen sind wir immer noch „die mit den breiten Reifen“, die angeblich alles kaputtfahren.
Das stimmt natürlich nicht.
Aber es zeigt:
Mountainbiken ist längst politisch geworden, ob wir es wollen oder nicht.
Was 2026 wirklich bestimmen wird
Es wird ein Jahr, in dem sich viele Dinge weiterentwickeln, aber kaum etwas endgültig abgeschlossen wird.
Der Markt findet seine Mitte.
Die Industrie findet ihre Stimme.
Die Trailpolitik findet ihre Bühne.
Und die Community findet ihre Verantwortung.
Die Frage, wie unser Sport im Jahr 2030 aussieht, beginnt jetzt beantwortet zu werden – durch Diskussionen, Entscheidungen, Kompromisse, Engagement und auch Reibung.
Und es liegt an uns allen, nicht nur mitzufahren, sondern mitzugestalten.
Die Krise ist vorbei – aber die Aufgabe beginnt erst
Wir starten nicht in ein Jahr der Entspannung, sondern in ein Jahr der Möglichkeiten.
Wir haben zum ersten Mal seit langer Zeit Rückenwind.
Aber wir haben auch Gegenwind, und der wird 2026 deutlicher zu spüren sein.
Doch wenn Mountainbiken eines lehrt, dann dies:
Es gibt keine perfekte Linie.
Nur die Entscheidung, überhaupt eine Linie zu fahren.
Auf ein starkes, intelligentes und leidenschaftliches neues Jahr.
Danke, dass ihr dabei seid.
Ihr Robert Langer
MTB Report
Radical Life Studios
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