Ab dem 4. Juni rollt im Brixental der Kirchberg Trail: zehn Kilometer Flow vom Gipfel bis ins Tal, gebaut für Einsteiger und Familien. Während in Deutschland gerade darüber gestritten wird, wie man Singletrails am elegantesten wegreguliert, nimmt ein einziges Tiroler Tal 1,5 Millionen Euro in die Hand. Um zu bauen.
Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report
Es ist ein bemerkenswerter Kontrast, und er fasst die Lage der Mountainbike-Szene 2026 ziemlich gut zusammen. Auf der einen Seite Nordrhein-Westfalen, wo ein Entwurf für ein neues Forstgesetz gerade ernsthaft erwägt, das Fahren auf schmalen Pfaden faktisch zu verbieten. Auf der anderen Seite das Brixental in Tirol, wo am 4. Juni der längste Trail des Bundeslandes eröffnet — finanziert, geplant und gebaut von einer Allianz aus Bergbahn, Tourismus und Gemeinden. Zwei Antworten auf dieselbe Frage. Und sie könnten kaum unterschiedlicher ausfallen.
Zehn Kilometer am Stück — was der Kirchberg Trail wirklich kann
Der Kirchberg Trail ist ein sogenannter Top-to-Bottom-Trail. Heißt: Du fährst mit der Fleckalmbahn rauf und dann am Stück wieder runter, ohne zwischendurch treten zu müssen. Rund zehn Kilometer durchgehender Abfahrtsspaß, von der Bergstation der Fleckalmbahn bis hinunter ins Gaisberg-Trailnetz. Damit ist er nach Angaben der Region der längste Trail Tirols.
Angelegt ist er als leichter Flowtrail — also eine breite, flüssige Strecke mit Wellen, Anliegern (das sind die schräg aufgebauten Kurven, in die man sich reinlegen kann) und ein paar Brücken. Keine fiesen Steinfelder, keine Sprungschanzen, vor denen einem der Magen flau wird. Mit einer Breite von ein bis anderthalb Metern und der Schwierigkeit S2 ist der Trail bewusst so gebaut, dass auch Einsteiger und Familien runterkommen, ohne ihr Testament zu machen. Wer mehr will, findet an den Wellen und Kurven trotzdem genug Spielraum für Tempo und Style.
1,5 Millionen Euro — Spinnerei oder fair?
Gebaut wird der Trail vom Verein Bike ARGE, einem Zusammenschluss aus Bergbahn AG Kitzbühel, Kitzbühel Tourismus, dem Tourismusverband Brixental und den Gemeinden Kitzbühel und Kirchberg. Preisschild: rund 1,5 Millionen Euro. Der Spatenstich war bereits im Juli 2025, jetzt ist das Ding fertig.
Klar, dass bei der Summe diskutiert wird. In den einschlägigen Foren wurde durchaus die Frage gestellt, ob 1,5 Millionen für zehn Kilometer nicht reichlich viel sind. Der Tenor unter den Fahrern war am Ende aber erstaunlich entspannt: Wer schon mal gesehen hat, wie aufwändig ein gebaggerter Flowtrail im alpinen Gelände entsteht — Wurzeln, Steine, Genehmigungen, Material, jede Menge Handarbeit — der hält den Preis für das Gebotene für angemessen. Pro Meter steckt da deutlich mehr Arbeit drin, als ein Außenstehender vermutet.
| Während in Deutschland überlegt wird, wie man Pfade am elegantesten wegreguliert, baggert ein einziges Tiroler Tal sich seinen längsten Trail. Das ist keine Marketing-Floskel. Das ist Haltung in Beton und Erde. |
Während Tirol baggert, diskutiert NRW über Verbote
Und genau hier liegt die eigentliche Geschichte. In Nordrhein-Westfalen liegt ein Forstgesetz-Entwurf auf dem Tisch, der das Befahren schmaler Wege im Wald praktisch unterbinden würde — in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland, mit entsprechend vielen betroffenen Fahrern. Die Stoßrichtung: weniger legaler Trail, mehr Verbotsschilder.
Tirol macht das genaue Gegenteil. Statt Mountainbiker als Problem zu behandeln, das man wegregulieren muss, behandelt man sie als Gäste, für die man Infrastruktur baut. Ein langer, legaler, sicherer Trail nimmt Druck von den wilden, illegalen Pfaden — weil die Leute schlicht ein attraktives offizielles Angebot bekommen. Das ist nicht nur netter, das ist auch die schlauere Lösung. Verbote verlagern das Problem. Angebote lösen es.
Kein Showprojekt — sondern eine Ansage bis 2030
Bemerkenswert ist auch, dass der Kirchberg Trail kein Einzelschuss fürs Tourismusprospekt ist. Er ist Teil eines Bike-Masterplans bis 2030, in dessen Rahmen die Region nach eigenen Angaben jährlich rund 1,2 Millionen Euro investieren will. Schon 2023 entstanden die Sonnenrast Trails, der Kirchberg Trail ergänzt das bestehende Netz der 360-Grad-Flow-Trails. Weitere Strecken und Verlängerungen sind angekündigt.
Mit anderen Worten: Hier wird nicht einmal kurz Geld in den Boden gesteckt und dann gehofft. Hier gibt es einen Plan, der über Jahre läuft. Genau das ist der Unterschied zwischen einem Marketing-Gag und echter Trail-Politik.
Lohnt sich der Trip?
Ehrliche Einordnung: Wer auf ruppige, naturbelassene Singletrails und steile Downhill-Lines steht, wird hier nicht den Trail seines Lebens finden — das ist explizit nicht der Anspruch. Wer dagegen Anfänger ist, mit der Familie unterwegs, oder einfach lange, flüssige Kilometer ohne Schreckmomente sucht, für den ist der Kirchberg Trail eine kleine Sensation. Zehn Kilometer Flow am Stück sind eine Ansage, und das Drumherum in den Kitzbüheler Alpen stimmt ohnehin.
Wichtiger als die Frage, ob jede Anliegerkurve perfekt sitzt, ist aber die Botschaft dahinter. Eine Region hat verstanden, dass man Mountainbiker nicht vertreiben, sondern einladen sollte. Man kann nur hoffen, dass der eine oder andere deutsche Gesetzgeber gelegentlich über den Tellerrand — oder besser: über die Grenze — schaut.
Die Fakten zum Kirchberg Trail
- Länge: rund 10 Kilometer, durchgehend (Top-to-Bottom)
- Strecke: von der Fleckalmbahn-Bergstation bis ins Gaisberg-Trailnetz
- Charakter: leichter Flowtrail, Schwierigkeit S2, 1 bis 1,5 Meter breit, mit Wellen, Anliegern und Brücken
- Zielgruppe: Einsteiger und Familien — gebaut für Normalfahrer, nicht für die Downhill-Elite
- Investition: rund 1,5 Millionen Euro, Bauherr ist der Verein Bike ARGE
- Eröffnung: 4. Juni 2026, mit Opening-Event vom 4. bis 7. Juni
- Einordnung: Teil eines Bike-Masterplans bis 2030 mit rund 1,2 Millionen Euro Investition pro Jahr
Stand: 3. Juni 2026 — Radical Life Studios / MTB Report
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